“Ich glaubte, wenn ich es schaffe dünn zu sein, bekomme ich Anerkennung” Ruby, 31

Heute bin ich 31 Jahre alt und damit eine Frau, die in den frühen 2000er Jahren Teenie war. Mein Körperbild wurde in einer Zeit geprägt, in der es ein dominierendes Schönheitsideal gab: groß, schlank, schmale Hüfte und Taille, lange Beine, großer Busen, vorwiegend weiße Haut aber leicht gebräunt und durchtrainiert. Mir wurde vermittelt, dass mein Körper mein Kapital sei. Ich wollte so aussehen wie die Frauen aus den Modezeitschriften und entwickelte mit 15 Jahren eine Essstörung und Depression. Ich war absolut besessen von diesem “Dünnseinding” und fühlte mich unzulänglich, unglücklich und extrem hässlich. Vor dem Spiegel fand ich zunächst meine Beine zu dick und hasste irgendwann einfach alles an meinem Körper. Ich glaubte, wenn ich es schaffe dünn zu sein, bekomme ich Anerkennung, werde glücklich und als attraktiv empfunden.

Ich trug bis Mitte 20 ausschließlich Kleider und nie Hosen, um meine Beine nicht zeigen zu müssen
Bereits mit 13 Jahren entschied ich mich, meinen Körper zu verhüllen. Ich trug bis Mitte 20 ausschließlich Kleider und nie Hosen, um meine Beine nicht zeigen zu müssen. Ich ging deshalb nie ins Freibad oder an den See zum Baden. Ich hatte als Tennie keine Dates, in meinem Fall, mit Jungs oder heranwachsenden Männern. Die Vorstellung, mit einem Date intim zu werden und mich gegebenenfalls nackt zu machen, bereitete mir Angst. Ich machte mir Gedanken darüber, dass mein Date allen erzählen könnte, wie ich unbekleidet aussah. Diese Fixierung darauf, was andere denken könnten, hielt mich davon ab, sexuelle Erfahrungen zu machen. 

Ich versuchte so auszusehen, als sei ich natürlich schlank und als würde mir die harte Arbeit, die ich in meinen Körper investierte, keinerlei Anstrengung bereiten. Dabei hatte ich in Wirklichkeit die diagnostizierte Essstörung bulimia non purging, also Bulimie ohne sich ständig nach dem Essen zu übergeben. Als Jugendliche aß ich so wenig wie möglich und als heranwachsende Frau fastete ich entweder nach dem Essen oder machte sehr viel Sport, um die zugenommenen Kalorien direkt wieder loszuwerden. Alles sollte jedoch so natürlich wie möglich aussehen.Ich nutzte z.B. auch Schminke, die versprach “No Make up - Make up” zu sein. Keineswegs sollte auffallen, wie viel ich in meinen Körper investierte.

In meinem Elternhaus konnte ich drei Jahre verbergen, dass ich eine Essstörung hatte
In meinem Elternhaus konnte ich drei Jahre verbergen, dass ich eine Essstörung hatte. Ausreden wie: “Ich habe schon gegessen” oder “Ich habe keinen Appetit” reichten dafür aus. Auf der einen Seite wollte ich, dass es niemandem auffällt, auf der anderen Seite wollte ich unbedingt, dass es jemand merkt und mich davon abhält. 

Durch die Unzufriedenheit mit meinem Körper hatte ich nicht nur eine Essstörung entwickelt, sondern auch eine Depression. Beides hemmte mich im Ausleben meiner Sexualität und wirkte sich auf meinen Zyklus aus. Sexuelle Erfahrungen hatte ich als heranwachsende Frau zwar wenige gemacht, nahm aber trotzdem über die Jahre hinweg immer mal die Pille, um mich vor einer Schwangerschaft zu schützen. Durch die ständigen Diäten und die daraus entstandene Unterernährung hatte ich wenig Lust auf Sex. Mein Zyklus war gestört und ich hatte jahrelang keine regelmäßige Menstruation. Die unregelmäßige Einnahme der Pille trug sicherlich ihren Teil dazu bei, dass mein sowieso schon unterernährter Körper in einem hormonellen Ungleichgewicht war. Die Essstörung nahm mein komplettes jugendliches Leben ein.

Sex gab es oft nur bei Dunkelheit 
Mit ungefähr 18 Jahren hatte ich regelmäßige sexuelle Begegnungen. In dieser Phase fühlte ich mich in meinem Körper langsam wohler, vielleicht weil ich so dünn war wie nie zuvor. Nichtsdestotrotz beschäftigte mich total, wie ich für den Mann bei sexuellen Handlungen aussah, wie mein Geruch war, wie sich mein Körper anfühlte. Meine Unzufriedenheit mit meinem Körper beeinflusste mein eigenes Körperempfinden, den Sex und die Berührungen in meiner ersten Beziehung. Sex gab es oft nur bei Dunkelheit und zärtliche Berührungen wollte ich nicht. Ich zog mich nicht gerne aus und wollte mich selbst nicht berühren. 

So streng wie ich mit mir selbst war, war ich mit anderen nicht. Personen, die mit ihrer Figur von dieser strikten Schönheitsnorm abwichen, empfand ich nie als “unschön”. Ganz im Gegenteil, ich feierte sie und wünschte, ich wäre auch so frei. Ich dagegen dachte, nichts essen und schlank sein sind meine Stärken und Teil meines Charakters.

Ich fing an, feministische Literatur zu lesen, in der es auch um Body Positivity ging
Mitte meiner 20er Jahre kam ein Punkt, an dem ich verstand, dass das Schönheitsversprechen der Medien einfach nicht aufgeht. Ich fing an, feministische Literatur zu lesen, in der es auch um Body Positivity ging. Mein Kopf sagte mir, dass das Aussehen nicht der einzige Wert der Frau ist und dass Schönheit nicht Dünnsein bedeutet, doch anwenden konnte ich das auf mich und meinen Körper lange nicht. 

Ich war wütend auf die kapitalistische, durch das Patriarchat bestimmte Diät-Maschinerie, die Frauen vermittelt, dass etwas an ihrem Körper nicht stimmt und geändert werden muss, um dem Mann zu gefallen. 

Mein angeeignetes Wissen, die feministischen Gedanken und Wertevorstellungen widersprachen jedoch dem, was ich tat und wie ich aussehen wollte. Ich schämte mich deshalb, über meine Essstörung zu reden. Die Art, wie ich meinen Körper bewertete und behandelte, fühlte sich antifeministisch an und dafür schämte ich mich. Ich fiel in ein tiefes Loch und wusste nicht, wie ich da wieder rauskommen sollte.

 Geholfen haben mir sehr unterschiedliche Therapien, die mich über 10 Jahre begleiteten. Von Verhaltenstherapie, Hypnosetherapie, Recovery Coaching und Körpertherapie bin ich stetig und sehr langsam aus dem Loch herausgekommen.

Es geht nicht darum, wie ich aussehe, sondern wie ich mich fühle.
Unterstützung fand ich auch bei Bloggerinnen, die selber diese Erfahrungen machten, sich damit beschäftigen und kleine Fallstudien durchführten. Ich fand es empowernd und war glücklich, dass ich eine kleine Community ehemaliger Essgestörter gefunden hatte, die sich und andere in der Recovery Community unterstützten. Trotzdem war ich frustriert, weil die Erkenntnisse aus den Fallstudien noch nicht im Mainstream angekommen waren. “Wir” glaubten, die Einzigen zu sein, die erkannten, wie patriarchale Strukturen Menschen zu Essstörungen bringen können.

Heute weiß ich, dass Schönheit relativ ist und sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Viel wichtiger: Es geht nicht darum, wie ich aussehe, sondern wie ich mich fühle.

Mittlerweile habe ich keine obsessiven Abnehm-Gedanken mehr. Das ist eine riesige Befreiung. Ich wünschte, ich hätte die letzten 15 Jahre für viel wichtigere Dinge genutzt, hätte gedatet, mehr aus meiner Jugend herausgeholt und einfach gelebt. 

Ich kann mich jetzt viel entspannter auf andere einlassen und erfahre wieder Lust. Ich lasse es zu, dass selbst an Tagen, an denen ich mich nicht schön finde, eine andere Person mich attraktiv finden kann. Der Schlüssel ist für mich, mir weniger Gedanken darüber zu machen, wie ich aussehe und zu schätzen, wer ich bin.

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